Rudolf von Gottschall

Weihnachten

   Das Christkind fliegt von Haus zu Haus;
   Da flammt’s von tausend Weihnachtsbäumen!
   Ein Leuchten flog ihm schon voraus
   In all den sel’gen Kinderträumen.
Wie jauchtzt die Schar, wenn der entzückte Blick
Erfüllten Wünschen überall begegnet!
Heut’ giebt es nur ein segnendes Geschick -
O Weihnacht, Fest der Kindheit, sei gesegnet!

   Und dort – ein einsam' Lichtlein strahlt
   Hell in der Armut kahlem Zimmer;
   Ein schüchtern dürft’ges Bäumchen prahlt
   Mit diesem ungewohnten Schimmer.
Das ist kein Irrlicht, wie's in nächt’gem Tanz
Auf toter Heide das Gezweig umflirrte;
Hier preist ein jubelnd' Kind den Zauberglanz
Der in die kleine Hütte sich verirrte.

   Und in die hellen Fenster starrt
   Ein Wand'rer von den öden Gassen.
   Die Freude hat er längst verscharrt,
   Die Liebe hat ihn längst verlassen.
Und sternenlos ist ihm die Nacht des Herrn,
Und wünschelos muß er dem Glück entsagen;
Und schlägt für ihn kein Herz mehr nah und fern,
Wozu soll länger noch das Seine schlagen?

   Beglückter der verlor’ne Sohn -
   Er kehrt zum heimatlichen Herde;
   Einst aus dem Vaterhaus entflohn,
   Durchzog er ruhelos die Erde.
Ein Friedensfest, ein Fest voll Lust und Schmerz!
Daß keiner der bereuten Schuld gedenke!
Vergebung unter Thränen – Herz an Herz,
Das ist das schönste aller Christgeschenke.

   Wehmütig ruht der Lichter Glanz
   Dort auf dem Haupt der beiden Alten,
   Auf ihrer Haare Silberkranz,
   Auf den verwitterten Gestalten.
Es ist ein Fest nur der Erinnerung,
Sie schauen träumend in des Licht der Kerzen.
Viel schwand dahin, doch blieb die Liebe jung
Und sel’ge Weihnacht tragen sie im Herzen.

   Du, Christkind, magst im Siegeslauf
   Dich nicht so rasch von uns entfernen;
   Noch einen Christbaum baue auf,
   Der sich erhellt bis zu den Sternen.
Zur ganzen Menschheit niederstrahlen mag
Der Segen, den du heute uns beschieden;
Die heil’ge Nacht, sie werde heil’ger Tag,
Ein ew’ger Weihetag voll Glück und Frieden!