Michelangelo Buonarotti

An Vittoria Colonna

Übersetzt von Bettina Jacobson.

Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen,
Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende,
Wie er durch Geist und Hände
Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft.
Denn zu so hohen Dingen
Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft.
Dein Antlitz, götterhaft,
Hat, lange suchend und nach vielem Irren,
Natur, am Gipfel angelangt, gefunden;
Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt.
Darum ist Furchtverwirren
Mit Schönheit oft verbunden,
Das wundersam ein stark Verlangen nährt.
Wer ist's nun, der mich lehrt,
Was besser sei, nachdem ich dich gesehn:
Die höchste Lust? Der Erde Untergehn? —