Johann Gabriel Seidl

Geständnis

Heureuse la beauté, que le poète adore!
A. de Lamartine.

»Ja, – Cynthia, so murmelt noch die Flut
Des Anio durch Tiburs Felsgesteine,
Noch lispelt's: Laura! in Vauclüsens Haine,
Und wenn schon lange dies Jahrhundert ruht,
Wird in Ferraras stolzen Marmorhallen
Eleonoras Name noch erschallen.

Beglückt die Schönheit, die ein Dichter liebt,
Beglückt der Name, den sein Mund besungen!
Er schwebt lebendig noch auf Engelszungen,
Er bleibt ein Stern, den keine Wolke trübt;
Was man vom Dichter mag Erhabnes sagen,
Teilt ihr sich mit, für die sein Herz geschlagen!« –

So rief im Selbstgefühl ein Dichter aus. –
Ich kann die Schönheit drum nicht glücklich preisen,
Und wänd' auch ein Petrarc aus seinen Weisen
Ihr einen ewig duft'gen Liederstrauß;
Oft muß sie ihrer Zukunft goldne Strahlen
Mit einer düstren Gegenwart bezahlen!

Das Herz der Schönen haftet an der Welt;
Sie können dulden, wollen aber glänzen; –
Der arme Sänger schwärmt von Kron' und Kränzen,
Wenn keine Sonn' auch in sein Stübchen fällt.
Gehuldigt will das Weib dem Gatten wissen, –
Er singt sein Lied auch zwischen Felsenrissen.

Die Schöne will dem Dichter alles sein, –
Er aber hat der Muse sich verschrieben;
Er dichtet nicht, als müßt' er's, um zu lieben,
Oft, um zu dichten, liebt er, scheint's, allein;
Die Fraun verlangen ganz des Mannes Busen,
Sonst eifern sie, und wär's auch mit den Musen.

Wir sind ein sonderbares Volk fürwahr:
Wir wissen manchmal selbst uns nicht zu fassen,
Oft wollen wir uns störrig schelten lassen,
Oft legen wir die Seelen offen dar;
Und will man uns um unser Innres fragen,
So können wir's wohl singen, doch nicht sagen.

Gar kluge, treue Augen tun uns not,
Die leicht bemerkend leicht auch übersehen,
Die, wo ein andres blind ist, uns verstehen,
Und mild uns schonen, wo ein andres droht;
Und fast nicht kleiner, als des Dichters Streben,
Ist auch die Kunst, beglückt mit ihm zu leben.

Für glücklich halt' ich drum die Schönheit nicht,
Nur weil sie vielbeneidet lebt im Liede;
Es hieß gewiß nicht jedes Blättchen ›Friede‹
Am Lorbeerzweig, der Lauras Stirn umflicht,
Und zitternd mochte wohl an Tassos Kränzen
So manche Trän' Eleonoras glänzen!