Johann Gabriel Seidl

Wettstreit

Zum Liederdichter spricht der Dramendichter:
»Was braucht es da Beweis noch oder Richter?
Du gibst ein Blümchen, ich – die ganze Flur,
Ich – einen See, Du – einen Tropfen nur.

Die ganze Menschheit – ich, in Lust und Schmerzen,
Du – Perlen nur aus einem Menschenherzen;
Ich gebe den Palast, du – einen Stein,
Den Mammut – ich, du nur – ein Käferlein.« –

Zum Dramendichter spricht der Liederdichter:
»Ich singe für den Freund, nicht für den Richter;
Im kleinsten Blümchen blüht ein Lenzgedicht,
Im Tropfen glüht ein Funke Sonnenlicht.

Ein einzig Herz umschließt im engen Rahmen
Der ganzen Menschheit Possenspiel' und Dramen,
Und dankbar nimmt der Christ vom Pilgersmann
Ein Steinchen auch aus Sions Tempel an.

Und rühmst du mir des Mammuts Riesenglieder,
So blick' nicht spottend auf den Käfer nieder:
Ein Wunder gilt's, und großer Raum ist dein,
Macht kleinrer Raum das große Wunder klein?« –

Da tritt ein Freund der Dichtkunst zwischen beide:
»Ein Gleichnis,« spricht er, »kenn' ich, das entscheide:
Ein groß Gehäuse ziemt der großen Uhr,
Ein klein Gehäuse ziemt der kleinen nur.

Ob jene schlage mit gewaltgem Hammer,
Ob diese leise pick' in stiller Kammer,
Ist nur das Werk in beiden gut und echt,
Wozu dann streiten? – Beide gehn sie recht.«