Johann Gabriel Seidl

Wechselwirkung

Ich sitz' am offenen Fenster,
Und schreib' an einem Gedicht;
Mein Nachbar spielt auf der Flöte,
Sieht aber und kennt mich nicht.

Und was er so rührend flötet
In stiller Kammer allein,
Möcht' eben die rechte Begleitung
Zu dem, was ich dichte, sein!

Und was ich so sinnend schreibe
Für mich in der Kammer allein,
Das möchte der Text auch eben
Zu seinen Noten sein!

Ich hab' ihn doch nie gesprochen,
Ich hab' ihn doch nie gesehn,
Wir werden vielleicht im Leben
Nie gegenüber uns stehn.

Und dennoch möcht' ich ihn küssen,
Daß er so gut mich verstand;
Und wüßt' er, was ich nun schreibe,
So drückt' er mir auch wohl die Hand!