Johann Gabriel Seidl

Entschuldigung

(An einen Freund.)

Geliebter Freund, bei dem es mir gelungen,
Mich einzusingen in dein warmes Herz,
Du fragst mich nicht aus eitlen Huldigungen,
Du fragst, ich fühl's, mich aus besorgtem Schmerz,
Warum ich auf der Muse Stapelplätzen
So selten käm' ein Liedchen abzusetzen!

Wie soll ich ganz dir meinen Dank beweisen,
Nicht daß du mich entbehrst, nein, mich nur nennst?
Wie aber kann ich gnug dich glücklich preisen,
Daß du den Grund nicht meines Schweigens kennst?
Nicht kennst die Mächte, welche kalt und nüchtern
Den lautesten der Sänger selbst verschüchtern?

O glaube mir, nicht müßig liegt die Feder,
Ich tauche sie noch oft ins Herzblut ein;
Wohl mancher merkt mir's ab, doch nicht ein jeder,
Auch will's ja nicht bemerkt von jedem sein;
Denn was wir Arbeit nennen, Fleiß der Seelen,
Das nennen sie: den lieben Tag bestehlen.

Darf ich doch selber ihr es kaum gestehen,
Die Lied des Herzens, Herz des Lieds mir ist. –
»Sie werden lächeln,« meint sie, »und dich schmähen,
Daß du nur eines Namens Herold bist!
Mach etwas Tücht'ges: Dramen und Geschichten;
Wer wird denn ewig Liebeslieder dichten?« –

Doch sei's, ich bleibe drum nicht müßig, Lieber!
Oft wird die Brust mir ganz besonders voll;
Dann dehnt sie sich und geht in Liedern über,
Und schmelzt mir wider Willen Gram und Groll.
Dann mag ein andrer sitzen und sich fassen,
Wer einmal nachgab, kann es nimmer lassen.

Des Lieds Gewohnheit läßt sich nicht entwöhnen,
Man will's auch nicht, weil sie so selig macht;
Sie kann ermut'gen, trösten und versöhnen,
Und kostet nichts, als höchstens eine Nacht.
Ist's besser nicht, als in des Schlummers Räumen,
Sie wach am Pult, doch schöner, zu verträumen?

So träum' ich oft, und hab' der Träume viele
Mir aufbewahrt für eine bessre Zeit;
Es kommt zu nichts mit dem Gedankenspiele,
Mit dieser selbstgefäll'gen Eitelkeit;
Wer wird nach Herzen in Journalen schauen?
Man liest sie nur, um leichter zu verdauen!

Gib ihnen, was dir aus dem tiefsten Herzen
In einer Stunde seltnen Glückes quoll;
Gib ihnen echte Freuden, echte Schmerzen,
Der wärmsten Liebe reinsten Jubelzoll;
Ja gib, was, wenn's Anakreon[*] gesungen,
Durch Menschenalter hätte fortgeklungen; –

Sie werden sitzen um den Tisch beim Glase,
Das Zeitblatt fassen sie mit krampf'ger Hand,
Durchblättern's, rümpfen die bebrillte Nase,
Was Unverständ'ges murmelnd von Verstand,
Bis sie zum Schluß nach mancher Phras' und Note
Ein Wortspiel machen, oder eine – Zote.

Wer, lieber Freund, erfaßt von diesem Bilde,
Zerbräche nicht die Schranken der Geduld?
Es ist das Herz mit seiner Kraft und Milde,
Um dessen Gunst die scheue Muse buhlt;
Wo sie bemerkt, man will sie nicht verstehen,
Da wird sie rot und wendet sich zum Gehen.

Sprich, trätest du, die junge Braut am Arme,
Wohl gern in einer Schenke Lärm und Dampf?
Und kostet' es, umtobt vom lauten Schwarme,
Mit ihr zu tändeln, dir nicht schweren Kampf?
Ja, überströmte bei dem tollen Schalle
Dir nicht vor Unbehaglichkeit die Galle?

Nein, willst du schwärmen mit der Treuerkornen,
So tu's in trauter, stiller Einsamkeit:
Der Stunden süßeste sind die verlornen,
Die man der Teuren fern von Lauschern weiht!
Man mag davon aufreden wie im Traume,
Doch nicht es aufschrein in unheil'gem Raume!