Johann Gabriel Seidl

Gräberrosen

Des Totengräbers Klärchen
War gar ein liebes Kind,
Fünf Sommer hatt' es eben
Und Wangen rot und lind.

Des Totengräbers Tochter
War Klärchens Mütterlein;
Sein Vater war ein Junker,
Ein Junker reich und fein.

Des Junkers Eltern aber
Die waren stolz und rauh,
Und meinten, nur die reichste
Sei auch die beste Frau.

Drum schalten sie den Junker,
Drum fluchten sie ihm gar,
Als sterbend ihm sein Bräutchen
Das liebe Kind gebar.

Und was der Fluch begonnen,
Vollendete der Tod;
Der arme Junker wußte
Nicht Rat in seiner Not.

Er gab dem Totengräber
Sein Kind samt seinem Gold,
Und sprach: »Da nimm mein Alles!
Mir zahlt der König Sold.«

Und mit den schwarzen Reitern
Da ritt er in die Schlacht,
Und von den schwarzen Reitern
Da ward er heimgebracht.

Und ward zu Grab getragen
Wohl schon am nächsten Tag,
Dicht neben jenem Grabe,
Worin sein Bräutchen lag.

Des Totengräbers Klärchen
Scheut sich vor Gräbern nicht;
Sie sind ihm nichts als Beete,
Worauf es Blumen bricht.

Es eilt zu einem Grabe,
Bricht weiße Rosen ab:
Es kennt ja nur die Rosen,
Kennt nicht der Mutter Grab.

Es eilt zum andren Grabe,
Bricht rote Rosen ab:
Es kennt ja nur die Rosen,
Kennt nicht des Vaters Grab.

Und zwischen beiden Gräbern,
Da sitzt es oft allein,
Und flicht sich lächelnd Kränze
Beim blassen Abendschein.

So spinnt durch stumme Rosen
In Kindeshänden dort
Der Eltern Einverständnis
Noch übers Grab sich fort.