Johann Gabriel Seidl

Glück und Unglück

Wer, ein Betrachtender, so wandelt
Die Straßen einer Stadt entlang,
Dem mag es selten nur begegnen,
Daß ihm verleidet wird sein Gang.

Die Häuser stehn in blanken Zeilen,
Als wohnte nur die Lust darin,
Und unverdrossne Menschen treiben
Sich zwischen ihnen munter hin.

Man sieht hinein durch klare Fenster,
Und sieht im Innern keine Not;
Man tritt hinein zu offnen Toren
Und sieht im Hofe keinen Tod.

Man hört nicht Seufzer, hört nicht Hader,
Nicht Hilferuf, nicht Wehgeschrei,
Es ist, als ginge man behaglich
An Wohnungen des Glücks vorbei.

Und dennoch schleicht die böse Seuche,
Das Unglück, durch die Straßen fort,
Vergiftet, quält, entpresset Tränen,
Und übt Verrat und Meuchelmord.

Verliere drum die Fassung keiner:
Denn einem Acker gleicht die Welt,
Wo mitten in das Korn der Freuden
Gar manches Leideskörnlein fällt.

Heil uns, wenn noch die Saat des Glückes
So reich hienieden wächst heran,
Daß hinter ihren grünen Halmen
Das Unglück sich verstecken kann!