Johann Gabriel Seidl

Die Statue

Vor der Burg des Königs schreitet auf und nieder ein Trabant,
Schwenkt die blanke Partisane drohend in der starken Hand,
Und, ein immerwacher Argus, schickt er seine Augen aus;
Daß sich nichts Verdächt'ges nahe dem geweihten Königshaus.

Und geführt von einem Kinde kommt ein Bettler alt und krank,
Läßt sich vor der hohen Pforte nieder auf die Marmorbank,
Tut sich gütlich an den Strahlen, die so mild durchglüht den Stein,
Denkt nicht an das Haus des Königs, denkt nur an den Sonnenschein;

An die lauen Lenzeslüfte, die so lind und labend wehn,
An die saftig grünen Bäume, die so augerquickend stehn; –
Wie der Argus den erschauet, streckt er seine Lanze vor,
Gleich als wollt' ein Ungeheuer lagern sich vorm Königstor.

»Schmutz'ger Bettler,« schreit er grimmig, »willst du gehn? Ich rat' es dir!
Glaubst du, diese Marmorbänke stehn für deinesgleichen hier? –
Ritte plötzlich jetzt der König so vorbei im stolzen Trab,
Eine schöne Statue wahrlich gäbst du an der Pfort' ihm ab!« –

»»Laß die Statue hier nur bleiben,«« spricht gar mild ein hoher Mann,
Der, vom Argus übersehen, zu den beiden ritt heran. –
»Ha, mein König!« – »»Ja, dein König, – König dieses Mannes auch,
Mit ihm teilend Bank und Bäume, Sonnenschein und Frühlingshauch.

Bleibt nur sitzen, guter Alter, solche Statuen da, wie Ihr,
Sind dem Hausherrn eine Lehre, wenn dem Haus gleich keine Zier;
Gäb' es Gott, daß einst ich jedem, der hier dürftig zugekehrt,
Mehr und baß gewähren könnte, als ihm Sonn' und Luft gewährt!«« –