Johann Gabriel Seidl

Stelldichein

Ja, einmal muß ich dich noch sehen,
Noch einmal dir recht nahe sein,
Noch einmal alles dir gestehen
Bei einem trauten Stelldichein.

Doch wo, ach wo? – Vielleicht im Hause,
Wo mir manch Stündlein schwand bei dir?
Ach nein, es ward zur öden Klause,
Seit dein Geschick dich rief von mir.

Vielleicht am Berg, wo deine Wange
Gar oft geglüht im Abendrot?
Ach nein, am Berge wird mir bange,
Dich find' ich nicht, – die Welt ist tot.

Vielleicht am Quell, in dessen Welle
Du manch Vergißmeinnicht gestreut?
Ach nein, – nun flieh' ich diese Stelle,
Die schmerzlich mahnt an schönre Zeit

Vielleicht in einem jener Sterne,
Die uns so freundlich angeblickt?
Ach nein, – sie haben, seit du ferne,
Für mich die Augen zugedrückt.

Vielleicht in irgend einem Buche?
In irgend einer Melodie?
Ach nein, – die Stelle, die ich suche,
Die rechte Tonart find' ich nie.

Wohin ich horchen mag und spähen,
Es taugt mir nichts zum Stelldichein,
Und doch muß ich dich nochmal sehen,
Muß nochmal dir recht nahe sein!

So sei's auf jenseits denn verschoben,
Doch dort gewiß, nach unserm Sinn!
Drum blick getrost mit mir nach oben:
Es ist so weit wohl nicht mehr hin!