Johann Gabriel Seidl

Die liebe Hand

Du legst dein Händchen oft so hin,
Reichst mir es nicht, — ich muß es fassen,
Weißt aber, daß ich dankbar bin,
Und hast mir's immer noch gelassen.

Und wenn ich nun die liebe Hand
So zwischen meinen Fingern halte,
Bald hingleit' über ihren Rand,
Und bald sie streichle, bald sie falte;

Bald sie erwärme, wenn sie kalt,
Bald, wenn sie glühend ist, sie kühle,
Woher die magische Gewalt,
Die ich in allen Adern fühle?

Ist sie denn gar so weiß, so klein,
So zart, so schön geformt, so blühend?
Schmückt etwa mancher Edelstein
Den schmalen Finger funkensprühend?

Das Alles — Alles ist es nicht!
Es ist der Pulse Doppelleben,
Der Wärme wechselnd Gleichgewicht,
Der Fiebern Ineinanderbeben.

Es ist am Ende nur die Lust,
Zu wissen, daß ich jetzt, der Eine
Von Millionen, stolz bewußt,
So fest sie schließen darf in meine.

Die Länderkart' in mächt'ger Hand,
Rühmt sich ein Fürst mit Wohlgefallen:
»Das Alles hier ist nun mein Land,
Besieger bin ich von dem Allen!«

Du Sieger, bist du wohl mir gleich?
Die Karte hältst du, Weltbezwinger;
Ich aber halte hier mein Reich,
Mein Himmelreich, mit einem Finger!