Johann Gabriel Seidl

Enttäuschung

Oft ist es tief, recht tief im Herbste schon,
Und immer ist noch grün das Laub der Bäume,
Und manche Lerche singt mit muntrem Ton
Ein wahres Lenzlied noch in blaue Räume.

In langen Fäden zieht es durch die Flur,
Gleich Hülsen jüngst entpupptet Frühlingsfalter;
Kein Wölkchen auf der Stirne der Natur,
An ihrem Kleide keine Spur von Alter.

Man brauche nur zu schweigen, scheint es fast,
Nur nicht den Namen »Winter« auszusprechen,
Und er vergäße drauf, der frost'ge Gast,
Den schönen Frühlingstraum zu unterbrechen.

Er wird's, — so sagt uns noch die laue Nacht,
Mit froher Ahnung gehen wir zu Bette;
Doch treten wir an's Fenster, — spät erwacht,
So stürmt es draußen bunt schon um die Wette.

Der Baum im Gärtchen steht entlaubt, beschneit,
Die Erde deckt ein Tuch, die Sonn' ein Schleier;
Nein — er vergaß uns nicht, der Winter! Weit
Und breit begeht er seine Totenfeier. —

So ist es auch im Leben mit dem Schmerz:
Wir freu'n uns oft, er würd' uns übersehen;
Doch über Nacht befällt er unser Herz,
Daß wir beschämt ihm seine Macht gestehen.