Johann Gabriel Seidl

Tageszeiten

1.
Morgens

Freundlich schaut der goldne Morgen
Zu den Fenstern mir herein;
Rasch entflieh'n die nächt'gen Sorgen
Vor dem hellen Sonnenschein.

Lachend liegt der Au'n und Felder
Taugestickter Teppich da;
Purpur kränzt das Haupt der Wälder,
Aufersteh'n ist fern und nah'.

Ströme schlingen ihre Bänder
Feuriger das Land entlang;
Berge tragen goldne Ränder,
Täler atmen Jubelklang.

Und die Stadt, die türmereiche,
Taucht aus Nebel, der sie barg,
Wie wenn eine Königsleiche
Wieder aufständ' aus dem Sarg.

Ihrer Häuser Giebel blitzen,
Laut wird ihr erwachtes Herz,
Tief aus ihren stillsten Sitzen
Wogt und schallt es himmelwärts.

O wie klar, wie allverständlich
Liegt das Leben da vor mir;
Ist sein Licht doch so unendlich,
Ach — und dennoch irren wir.

Kommt heraus ihr Seelen alle,
Die ihr hadert mit der Welt;
Seht euch um in ihrer Halle,
Wenn der Morgennebel fällt!

Hört ihr eine Stimme schallen,
Die nicht Freudenton euch scheint?
Seht ihr eine Träne fallen,
Außer, wie sie Wonne weint? —

Drum hinweg mit diesen Falten,
Die auf euren Stirnen steh'n!
Rüstig mit verjüngtem Walten
Laßt an's Tagewerk uns geh'n!

2.
Unter Tags

Buntes Treiben, wechselnd Streben
Jagt sich in der lauten Welt;
Darin liegt ja grad das Leben,
Und warum es uns gefällt.

Wechsel heißt die mächt'ge Feder,
Die das Rad der Freude treibt;
Sperrt dem Menschen alle Räder,
Wenn ihm nur dies eine bleibt.

Gerne will er heute klagen,
Und ein Sohn der Schmerzen sein, —
Denn er weiß, umwölkten Tagen
Folgt zuletzt doch Sonnenschein.

Gerne trägt er Dornen heute, —
Lacht ihn doch die Hoffnung an,
Daß, wer heut ihm Dornen streute,
Morgen Rosen streuen kann!

Leidensmonden, Trauerjahre
Werden ihm ein Augenblick, —
Denn er weiß, in ihrer Bahre
Wiegt ihm Gott ein neues Glück!

Und so klammert er die Arme
Mächtig um die Gegenwart, —
Weil er weiß, daß mit dem Harme
Schwesterlich die Lust sich paart.

Also schwelgt er, glutbeseelet,
Dankbar an dem kargsten Gut;
Was der Freud' an Dauer fehlet,
Das ersetzt er durch die Glut.

Also täuscht in Lust und Leide
Durch den Wechsel er das Herz,
Macht sich lang die kurze Freude,
Macht sich kurz den langen Schmerz.

So erringt er jenen Frieden,
Der, was kommt, mit Dank empfaht:
Ist, was immer wächst hienieden,
Doch von Gott gesäte Saat!

3.
Abends

Stiller Engel, kehrst du lächelnd wieder
Mit dem Silberstern im duft'gen Haar,
Mit dem purpursäumigen Gefieder
Und dem dunkelblauen Augenpaar.

Sei willkommen, Engel, sei willkommen,
Fürchte nicht bei mir gestört zu sein!
Meines Herdes Flamm' ist längst verglommen,
Und die Liebe zog ins Hüttchen ein!

Tritt herein zu ihr, du Engel Abend,
Ihr, ich weiß, ein längst geliebter Gast;
Sprich mit ihr, dein Wort ist ihr so labend,
Und so lieb die Weise, die du hast!

Rede sie zurück in jene Tage,
Wo sie Kind noch, wo sie sprachlos war;
Plaudre dann mit ihr von jeder Klage,
Jedem Traume, jeglicher Gefahr.

Ihre Lieblingsliedchen, ihre Eide,
Ihre Scherze ruf ihr dann zurück,
Mahne sie an die geringste Freude,
Mahne sie an das geheimste Glück!

Doch wenn Wehmut über sie nun käme,
Mal' ihr dann die sel'ge Gegenwart,
Stell' ihr vor, wie der umsonst sich gräme,
Der in Freuden künft'ger Freuden harrt.

Reiße dann vor ihr den Flor der Jahre,
Zeig' es ihr das spätgeträumte Ziel,
Noch der Wiege näher, als der Bahre,
Noch dem Ernste ferner, als dem Spiel.

Ach und wenn sie immer ernst noch bliebe,
Ernster würde — bis zur Trauer ernst,
O auch dann verlaß nicht meine Liebe,
Gib ihr Tränen, eh' du dich entfernst.

Gönn' ihr einen Aufblick nach den Räumen,
Deren goldbeschwingter Sohn du bist,
Leihe Flügel ihren wachen Träumen,
Weil sie denn nur träumend glücklich ist.

Gib es ihr zurück, ihr süß' Behagen,
Ihres Himmels heitren Widerschein,
Gib den Frieden ihr, denn — wie sie sagen
Sollst du ja ein Friedensengel sein!

4.
Nachts

Der Tag, er war so jung, so schön,
Schritt lächelnd über Tal und Höh'n
In seinem goldnen Frieden;
Da kam zuletzt die böse Nacht,
Die hat ihn blaß und kalt gemacht,
Bis er in Gram verschieden.

Wie war so frisch die Blume da,
Aus jeder ihrer Knospen sah
Ein reiches Blütenleben;
Nun ist sie welk, nun ist sie fahl,
Kann kaum mehr auf zum Mondenstrahl
Die Blätterflüglein heben.

Es war so hell das Sternlein hier,
Das zwischen diesen Türmen mir
Allnächtlich winkt' hernieder;
Nun muß sein Schein verloschen sein,
Denn alle Sternlein zieh'n herein,
Nur dies erscheint nicht wieder.

Auch ich bin wie der Tag so stark,
Hab' wie die Blume Farb' und Mark,
Und wie das Steinlein — Feuer,
Und doch hat bald, o bald vielleicht
Auch mich die dunkle Nacht erreicht
Mit ihrem Grabesschleier.

Dann ist's vorbei mit deinem Tun,
Mein Herz, mit deinem Nimmerruh'n,
Mit deinem Weltdurchmessen;
Sobald die Augen abgeglüht,
Durch die sich oft dein Sturm verriet.
Dann bist auch du vergessen.

Wergessen armes, junges Herz
Mit deiner Lust, mit deinem Schmerz,
Mit deinem Müh'n und Zagen:
Ob ernst und still dein Hammer schlug,
Ob er gepocht in wildem Flug,
Darnach wird Niemand fragen!

Sie gehen ruhig hin und her,
Was kümmert sie der Hügel mehr,
Der dich empfing, als Beute?
Sie leben friedlich unter sich,
Und kein Gedenken ist an dich,
Wie sehr dich's auch erfreute! —

Und dennoch mühst du dich so viel,
Als gält' es gar ein fernes Ziel,
Gar wünschenswerte Kränze!
Du brichst dir ab, du zehrst dich auf,
Beirrst dich selbst in deinem Lauf,
Zertrittst die eignen Lenze.

Verächtlich siehst du Rosen an,
Und wählst die Dornen dir, im Wahn,
Sie würden einst wohl blühen!
Du sammelst Kohlen ein, und meinst,
Sie würden doch hienieden einst,
So Gott will, noch verglühen!

Auf ferne Zukunft gründest du
Die Schlösser deiner Freud' und Ruh',
Und wohnst im Haus der Träume;
Und mit dir teilt der Liebe Geist,
Damit du nicht verlassen seist,
Allein die öden Räume.

Ja sie allein, die Lieb' allein
Heißt dich, mein Herz, geschäftig sein.
Und noch nicht stille stehen;
Sie scheint noch vor des Grabes Rand,
Mit einem Kranz in ihrer Hand,
Entgegen mir zu sehen!

Sie sieht auf mich, sie lächelt mir,
Es treibt mich fort und hin zu ihr
Durch Nacht und Sturm zu wandern,
Und ob mir nichts hienieden grünt.
Wenn ich mir diesen Kranz verdient,
Dann brauch' ich keinen andern.