Johann Gabriel Seidl

Grablied

Steig' hinunter in die Erde,
Ruh' im Frieden Gottes aus;
Zweifel, Kummer und Beschwerde,
Flieh'n vor diesem letzten Haus.

Nimm ein freundlich Angedenken
An die Lieben mit hinab,
Die dich weinend seh'n versenken
In das stille, tiefe Grab.

Laß uns nicht verlassen stehen
Bis zur späten Wiederkehr,
Schweb' im leisen Abendwehen
Als ein Schutzgeist um uns her!

Zeig' uns, daß der Tod auf Erden
Nur ein düstres Märchen ist;
Daß erst die geboren werden,
Die des Grabes Wieg' umschließt.

Reich' uns aus dem ew'gen Leben
Die verjüngte Geisterhand,
Daß wir ahnend uns erheben
In das wahre Vaterland!

Laß den Gang zu deinem Grabe
Stets ein heilig Fest uns sein,
Das uns stärke, das uns labe,
Wenn wir ringen mit der Pein!

Wenn sich böse Stimmen regen,
O so ruf uns warnend zu:
»Von der Höhe kommt der Segen,
In der Tiefe wohnt die Ruh'.«