August Graf von Platen

Lebensstimmung

"Wem dein wachsender Schmerz Busen und Geist beklemmt,
Als Vorbote des Tods, bitterer Menschenhaß,
      Dem blühn der Gesang, die Tänze,
         Die Gelage der Jugend nicht!

Sein Zeitalter und er scheiden sich feindlich ab,
Ihm mißfällt, was erfreut Tausende, während er
      Scharfsichtige, finstre Blicke
         In die Seele der Toren wirft.

Weh ihm, wenn die Natur zarteren Bau vielleicht,
Bildungsreicheren lieh seinem Gehör, um durch
      Kunstvolle Musik der Worte
         Zu verewigen jede Pein!

Wenn unreifes Geschwätz oder Verleumdung ihn
Kleinlich foltert und er, welchen der Pöbel höhnt,
      Nicht ohne geheimes Knirschen
         Unerträgliche Qual erträgt:

Wenn Wahrheiten er denkt, die er verschweigen muß,
Wenn Wahnsinn dem Verstand schmiedet ein ehrnes Joch,
      Wenn Schwäche des Starken Geißel
         Wie ein heiliges Zepter küßt;

Ja, dann wird er gemach müde des bunten Spiels,
Freiheitatmender wehn Lüfte des Heils um ihn,
      Weg legt er der Täuschung Mantel,
         Und der Sinne gesticktes Kleid."

Ob zwei Seelen es gibt, welche sich ganz verstehn?
Wer antwortet? Der Mensch forsche dem Rätsel nach,
      Gleichstimmige Menschen suchend,
         Bis er stirbt, bis er sucht und stirbt.