Charles Baudelaire

Lasst uns der treuen Magd

Lasst uns der treuen Magd, dem Herzen voller Güte,
Das nun entschlummert ruht tief unter Gras und Blüte,
Lasst ein paar Blumen uns ihr legen auf den Stein.
Die armen Toten, ach, sie leiden soviel Pein.
Wenn der Oktoberwind die alten Bäume schüttelt,
Traurige Lieder singt und an dem Grabstein rüttelt,
Dann finden sie gewiss, dass wir recht herzlos sind
In unsrem warmen Bett, geschützt vor Frost und Wind.
Indessen sie, verzehrt von dunkler Träume Schaudern,
Ganz ohne Bettgenoss und ohne fröhlich Plaudern
Nichts fühlen, frosterstarrt, benagt vom bösen Wurm,
Als eisiger Tropfen Fall und Schnee und Wintersturm,
Und hundert Jahr vergehn, eh' Freunde und Gevattern
Die Fetzen je erneu'n, die um das Gitter flattern.

Wenn nun im Abendschein, beim Knisterton der Scheite
Plötzlich ganz still sie sitzt am Herd zu meiner Seite,
In blauer Winternacht, die kalt herniederschauert,
In meinem Zimmer stumm in einer Ecke kauert,

Ernsthaft und bleich wie die, die ewige Nacht uns schickt,
Aufs grossgewordne Kind mit Mutteraugen blickt,
Was kann ich dann zu ihr, der frommen Seele, sprechen,
Aus deren hohlem Aug' endlose Tränen brechen?