Emanuel Geibel

Distichen vom Strande der See

Jetzt erst bin ich zu Haus, ihr erquickt mir wieder die Seele,
Laubduft, Wipfelgebraus, kühlender Atem des Meers.

Dir, o Brandung, vergleich ich das Distichon, wie du heranrollst,
Spritzend dich brichst und zurückbrausend dich selber verschlingst.

Nicht mit Gedanken erfüllt der Natur vieldeutiger Laut mich,
Aber er schwellt mir die Kraft, die den Gedanken erzeugt.

Rasch wie der Wind umspringt, so wechseln das Herz und die Welle,
Heut weitleuchtende Ruh, morgen chaotischer Sturm.

Ob wie ein Spiegel die Woge sich dehnt, ob rasend emporschäumt,
Ihre gewiesene Bahn wandeln die Sterne dahin.

Well auf Welle zerrinnt, in die See rücktriefend, doch endlich
Kommt die Siegerin auch, welche den Felsen zerbricht.

Was langjährig ersehnt sich bereitet im Schoß der Gesamtheit,
Plötzlich am Tag des Geschicks führt es der Genius aus.

Mächtig getürmt aufs Meer hinschaun die Maler der Hünen,
Doch nicht Rune noch Lied nennt dir die Schläfer im Grund.

Wie die Welle verrauscht, so sind sie vorübergezogen;
Von der verschollenen Zeit wissen die Gräber allein.

Der mit der Steinaxt hier einstand für die Götter der Heimat,
War er des Heldengesangs weniger wert als Achill?

Auch die Kränze des Ruhms sind Gunst und Gnade der Götter,
Die sie dem Glücklichen nur unter den Würdigen leihn.

Schlaft, ihr Starken, in Ruh! Wohl hat euch die Muse vergessen,
Aber das ewige Meer rauscht euch den Schlummergesang.

Unter dem Seegras blinkt die gediegene Träne des Bernsteins,
Wie sie an Thules Gestad golden die Fichte geweint.

Sinnend les' ich sie auf, die geronnenen Tropfen; so bliebt ihr
Mir, zum Liede versteint, Tränen der Liebe, zurück.

Jeglichem wurde das Recht zu lieben. Glücklich zu lieben,
Ist ein göttlich Geschick, das du aus Gnaden empfängst.

Sonne der Liebe, du sankst; doch blieb dein dämmernder Abglanz
Sanft mir, wie Mondesgeleucht, in der erinnern den Brust.

Froh noch weiß ich zu sein; doch heimlich in jegliche Freude
Mischt sich der Schmerz: nicht mehr kann ich sie teilen mit dir.

Gern bei sinkendem Tag lustwandl' ich am Strande des Meeres,
Weit und weiter hinaus lockt mich der Wellengesang.

In dem Gebrause des Winds und der Flut eintönigem Rauschen
Ahn ich der Weltmelodie dunkel verhallenden Laut.

Wie die Woge sich hebt und senkt mit wechselndem Schalle,
Tut sich die stille Gewalt ewiger Rhythmen mir kund.

Blieb ein Klang in der Tiefe zurück von der Leier des Orpheus,
Als an Lesbos' Gestad einst sie die Woge gespült?

Siehe die Schwalbe der See! Rasch abwärts schießend, im Schaume
Netzt sie die Flügel und schwingt wonnig gekühlt sich empor.

Immer verwegener streift sie die Tiefe - sie gleicht dem Gedanken,
Der mit schauernder Lust an das Unendliche rührt.

Tiefer dämmerts, die Ferne des Meeres zerfließt mit dem Luftkreis;
Im Abgrunde des Raums glaubst du betroffen zu stehn.

Aber der Vollmond steigt, er enthüllt dir die Grenzen des Himmels
Und aus brennendem Gold baut er die Brücke dir auf.

Sieh, jetzt löst er sich ab, und gleich der zerschnittenen Goldfrucht
Voll in der Luft und im Meer schwebt das gedoppelte Rund.

Höher und höher entrückt, wird strahlendes Silber der Glutball,
Steigend gewinnt er an Licht, was er an Feuer verlor.

Ist er des Genius Bild, der wild in Flammen der Jugend
Lodert, bevor er die Welt füllt mit geläutertem Glanz?

Leuchtturmsfeuer und Vollmondsglanz und der Reigen der Sterne
Über der brandenden See — welche bezaubernde Nacht!

Wahrlich, sie gleicht dem Dichtergemüt, drin himmlische Strahlen
Durcheinander versöhnt spielen mit irdischer Glut.

Schwer nur reiß ich mich los - doch seis drum! Morgen im Frührot
Weckst du zu neuem Gesang, baltische Muse, mich auf.