Johann Gabriel Seidl

Ein weißes Haar

Ein finstrer Mann durchschreitet
Die Stub' in weitem Schritt;
Der ist bei Tag ein Jäger,
Und bei der Nacht – Bandit.

Wie Wetterwolken lagert's
Auf seinem Angesicht,
Verbrechen oder – Reue,
Doch nein! – die kennt er nicht.

Jetzt auf das Stroh im Winkel
Wirft er sich ungestüm,
Sein Töchterlein, das holde,
Sitzt spielend neben ihm;

Beim sonnverbrannten Vater
Das zarte Töchterlein,
Wie eine weiße Rose
Am schwarzen Rabenstein.

Ermattet läßt er sinken
Sein Haupt in ihren Schoß,
Sie wühlt in seinen Locken,
Nichts denkend, absichtslos.

Da ruft sie plötzlich lachend:
»Ei, Väterchen, fürwahr,
Da – mitten zwischen schwarzen
Steht auch ein – weißes Haar!«

Da fährt empor der Räuber: –
»Ein weißes? – wirklich, Kind?« –
»»Ja – ja – ein weißes, Vater,
Wenn's ihrer mehr nicht sind!«« –

Und ernster wird der Räuber,
Als er's seit langem war,
Und murmelt wie im Traume:
»Schon jetzt ein weißes Haar?!

Nun ist es Zeit, Matteo!
Fahr hin, Banditenstahl,
Komm her, du treue Büchse,
Gibst mir wohl auch ein Mahl!«

Und Jäger ward der Räuber,
Wie er's als Jüngling war: –
Den hat der Herr gerettet
Durchs erste weiße Haar.