Wilhelm Müller

Schiff und Vogel

Die Flüsse rauschen in das Meer,
Vorüber an Burgen und Städten,
Die Winde blasen hinterher
Mit lustigen Trompeten.

Die Wolken ziehen hoch voran,
Wir Vöglein mitten drinnen,
Und Alles, was fliegen und singen kann,
Nur nach, nur mit uns, nur von hinnen!

Ich grüße dich, Schifflein! Wohin, woher,
Mit dem flatternden goldenen Bande?
»Ich grüße dich, Vöglein! In's weite Meer
Fahr' ich hin aus dem engen Lande.

All' meine Segel sind geschwellt,
Kein Berg ist mehr zu sehen:
Ich hab' mein' Sach' auf den Wind gestellt,
Der Wind läßt mich nicht stehen.

Und willst du, Vöglein, mit hinaus,
Magst dich auf den Mastbaum stellen;
Denn voll zum Sinken ist mein Haus
Von glücklichen Gesellen.

Sie tanzen und springen den ganzen Tag,
Und klimpern und spielen und trinken,
Und wer nicht mehr tanzen und trinken mag,
Seiner Nachbarin muß er winken.«

Gesellen, die brauch' ich und such' ich nicht,
Lieb Schifflein, ich kann ja noch singen;
Dein Mastbaum wär' ich ein böses Gewicht,
Lieb Schifflein, ich habe ja Schwingen.

Hoch über dem Segel, hoch über dem Mast,
Wer will mir die Lust verwehren?
Und hält deine wilde Gesellschaft Rast,
So sollst du mich singen hören.

Und wer nicht ruhen und horchen mag,
Gott gesegn' ihm die bessere Freude!
So schwing' ich mich auf in den blauen Tag,
In die goldene Sonnenweide.

So sing' ich meinen Jubelgesang
Hinaus in alle vier Winde,
Daß ihn mein und sein Lebelang
Kein Schreiber und Drucker finde!