Wilhelm Müller

Die Veste des Himmels

Asia hat ausgespieen ihre gelbe Tigerbrut,
Daß sie purpurroth sich trinke in der Griechenkinder Blut;
Afrika aus ihren Wüsten stürmet über Hellas Meer
Mit des Samums Todeshauche ihre Negerhorden her.
Missolunghi, Stadt der Helden, laß die Kreuzesfahne wehn!
Zähle nicht die Ungezählten, die vor deinen Mauern stehn!
Zähle nicht des Waldes Blätter, zähle nicht den Sand am Meer,
In des Himmels Feldern zähle deines Gottes Sternenheer.
Ob sich deine Tonnen leeren, deine Scheuern werden licht,
Wäge nicht den letzten Brocken, miß den letzten Tropfen nicht.
Hat dein Heiland mit fünf Brodten nicht fünf Tausende gespeist?
Bete, bis vor deinem Rufe sich des Himmels Zelt zerreißt!
Manna regnet's aus den Wolken auf der Wüste dürren Sand:
Gott hat Manna für euch alle – Streckt nur aus die matte Hand!
Missolunghi, Stadt der Helden, wach' und bete Tag und Nacht!
Sieh, in ihren tiefen Grüften sind die Todten auch erwacht.
Sieh, auf deinen Wällen schreiten ihre Geister hoch daher,
Flammenschwerter in den Händen, doch die Wunden leuchten mehr.
Markos, Suli's Königsadler, sucht der jähen Zinne Stand,
Und den deutschen Grafen führt er brüderlich an seiner Hand
Aber einsam auch im Tode schleicht der Brittensänger hin,
Dem des Lebens Räthsel schweben dunkel noch vor seinem Sinn.
Durch die Sterne kreist sein Auge, eine Antwort zu erspähn:
Herrscht der Christen Gott dort oben, und muß Hellas untergehn?
Missolunghi, Stadt der Helden, Hellas Hort und Ehrenstern,
Schmach der Heiden, Stolz der Christen, Missolunghi, Stadt des Herrn,
Deine martyrfesten Mauern werden nimmer untergehn:
Ist die Erde dein nicht würdig, wirst du einst im Himmel stehn,
Als die Wächterin des Thrones, wann des Höllenfürsten Macht
Wider Gott sich will empören und die Engel ruft zur Schlacht.